
Hallo aus Hamburg,
vor drei Wochen saß ich im Hörsaal der Harvard Business School, wo einer meiner Lieblingsprofessoren, Ranjay Gulati, eine Vorlesung zum Thema Mut hielt. Er begann mit der Geschichte seiner Mutter, die er als kleiner Junge miterlebt hatte. Sie war eine der wenigen Frauen, die in den 1960er-Jahren in Neu-Delhi ein eigenes Textilunternehmen gründeten. Nachdem sie ein Stück Land am Stadtrand gekauft hatte, verkündete die Regierung, dass das Gebiet künftig für Wohnungsbau genutzt werden würde. Ihr Land war plötzlich viel mehr wert. Ein Immobilienentwickler bot ihr wiederholt hohe Summen, doch sie lehnte ab. Eines Tages betrat ein Vertreter dieses Entwicklers ihr Büro, legte ihr einen Vertrag vor und forderte sie auf zu unterschreiben. Als sie sich weigerte, öffnete er sein Jackett – eine Pistole blitzte hervor. Der kleine Ranjay versteckte sich, erstarrt vor Angst. Seine Mutter aber stand auf, schlug ihm die Hand ins Gesicht und rief: „Glauben Sie, Sie könnten mich einschüchtern?“ Der Mann floh. Später fragte Ranjay sie, ob sie keine Angst gehabt habe. Ihre Antwort: „Wovor Angst? Niemand hat das Recht mich weiter herumzuschubsen. Das ist mein Land Ich habe es gekauft.“
Diese Szene bildet den Auftakt zu Gulatis neuem Buch How to Be Bold – The Surprising Science of Everyday Courage, in dem er Geschichten von Menschen sammelt, die sich trotz Angst entschieden haben, zu handeln. Der Pilot Chesley Sullenberger, der 2009 sein durch Vogelschlag lahmgelegtes Flugzeug mit 155 Menschen an Bord sicher auf dem Hudson River landete. Der Hochseilartist Philippe Petit, der 1974 zwischen den Twin Towers balancierte. Die Iraner, die unter Einsatz ihres Lebens gegen das Mullah-Regime protestieren. Was macht diese Menschen aus?
Gulati, gestützt auf Forschung aus Psychologie und Organisationsverhalten, kommt zu einer einfachen, aber machtvollen Erkenntnis: Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern handeln im Angesicht der Angst. Das Gegenteil, Feigheit ist weniger verurteilenswert, als vielmehr eine natürliche Überlebensreaktion des Menschen in Gefahrensituationen. Sie wird verstärkt durch Gruppenzwang oder überzogene Risikofokussierung. Mutige Menschen verdrängen ihre Angst nicht – sie akzeptieren sie als Teil ihres Handelns. Und sie handeln, weil sie etwas Größeres im Blick haben: einen Sinn, einen Wert, eine Überzeugung. Angst lähmt, wo kein „Warum“ trägt.
In Unternehmen zeigt sich Mut kaum unter Einsatz des Lebens. Mut heißt hier: Entscheidungen unter hoher Unsicherheit zu treffen. Das heißt, eine defizitäre Einheit radikal umbauen. Unbequeme Personalentscheidungen treffen. Sich nicht auf Risiken zu fokussieren, um nicht der Selbsttäuschung zu erliegen, Unsicherheit in Gewissheit verwandeln zu können. Mitarbeitenden Vorschussvertrauen zu geben. Eine Strategie zu korrigieren, wenn sich herausstellt: Wir lagen falsch. Trotz Rezession in Digitalisierung zu investieren.
Gerade in unsicheren Zeiten zeigt sich, wie tief der Mut einer Organisation reicht. Während die meisten Unternehmen in Krisen reflexartig auf Kostenbremse setzen, investieren die Mutigen – und wachsen daran. Eine Langzeitstudie von Bain & Company zeigt: Nur rund neun Prozent der Unternehmen investierten in Krisenzeiten gezielt in Wachstum. Jahre später zeigt, sich, dass genau die ein nachhaltiges Wachstum hinlegten.
Mut ist trainierbar wie ein Muskel. Jeder, der Verantwortung trägt, kann ihn bei sich und seiner Organisation stärken:
- Akzeptiere das Unbekannte. Unsicherheit ist kein Defizit, sondern der Normalzustand. Versuche Dich ins Unbekannte hinein zu agieren. Wie vorsichtige Schritte vom Ufer auf den zugefrorenen See.
- Zerlege Risiken. Große Schritte werden leichter, wenn sie in kleinere, steuerbare Aktionen aufgeteilt sind. Wer Zwischenziele schafft, findet Halt im Vorantasten.
- Kläre das „Warum“ deines Unternehmens. Menschen werden mutig, wenn sie wissen, wofür. Sinn stiftet Richtung und gibt Kraft.
- Diszipliniere zur Ruhe, wenn es hektisch wird. Sullenberger im Rückblick: „Ich zwang mich ruhig zu bleiben. Denn ich wusste: Nur mit einem ruhigen Blick bin ich in der Lage eine solche Operation (wie die Notlandung auf dem Hudson River) vorzunehmen.“ Routinen der Ruhe – regelmäßiger Sport, Spaziergänge, Meditation, Auszeiten im Team – geben Stabilität.
- Ermuntere zur Improvisation. Denke in Optionen, probiere aus, lerne schnell aus Fehlern, gib psychologische Sicherheit, so dass sich jeder traut zu sagen: „Ich sehe das anders.“ „Was wäre, wenn wir es so machen?“
Gulatis Buch endet mit einem Zitat aus Shakespeares Drama Henry V.: „All things are ready, if your minds be so”. Also: Nur Mut!
Euer Markus Baumanns

