
Hello from Hamburg,
Künstliche Intelligenz (KI) könnte dafür sorgen, dass das Gerede von den zwischenmenschlichen, oft „soft“ genannten Faktoren endlich verstummt – jenen Faktoren, die bislang als den „harten“ Erfolgsfaktoren eines Unternehmenserfolgs nachgeordnet galten. Endlich.
Natürlich braucht ein erfolgreiches Unternehmen ein funktionierendes Geschäftsmodell, zahlende Kunden und einen klugen Einsatz von Betriebsmitteln: Controlling, Finanzplanung und Preiskontrolle beim Einkauf, gemeinhin als „harte Erfolgsfaktoren“ bezeichnet. Es war aber schon immer so, dass, ob ein Unternehmen wirklich reüssiert und profitabel ist, entscheidend von guter Führung, funktionierender Zusammenarbeit und Denken an das Ganze abhängt. Diese Elemente werden landauf landab immer noch un-sinnigerweise als „soft skills“ bezeichnet. Warum werden sie allenfalls als das Sahnehäubchen des Betriebssystems eines Unternehmens und somit als nachrangig eingeordnet? Wir bei company companions haben diese Rangordnung seit 15 Jahren nicht verstanden und immer dagegen angearbeitet.
Könnte die Ursache darin liegen, dass betriebswirtschaftliche Kenngrößen wie Auftragseingang oder Kosten- und Ertragsrechnung messbar sind, gute Führung und funktionierende Zusammenarbeit aber nicht? Könnte ferner Unsicherheit der tiefere Grund sein, warum Verantwortliche einen Bogen um die „weichen“ Themen machen und sich mit der Messbarkeit zum Beispiel von Unternehmensplanung auf sicherem Terrain zu bewegen glauben – auch wenn die selten aufgeht? Die enormen Transaktionskosten durch Meetingflut („Oh da ist ein Problem. Da müssen wir uns mal zusammensetzen“) und -länge („Es ist von allen etwas gesagt, nur noch nicht von jedem“), durch mangelhafte Zusammenarbeit bedingte Abstimmungsschleifen und Langsamkeit oder durch schlechte Führung bedingte innere Migration sind in keiner Betriebsrechnung erfasst. Für den Moment jedenfalls scheint der Fokus auf vordergründig Messbares das Ordnungsgefühl zu befriedigen. Allenfalls die Folgen aus der Alltagsmisere haben in diesen Wochen sogar die Agenda des Bundeskanzlers erreicht: der hohe Krankenstand.
Letzte Woche hat nun die Financial Times eine interessante Beobachtung geteilt. Ganz entgegen der bisherigen Gewissheit, dass Berufseinsteiger als Folge der Übernahme von Anfängeraufgaben im Unternehmen durch KI schlechte Karten haben, könnte sich ein Gegentrend abzeichnen. Mehrere Umfragen unter US-amerikanischen Unternehmen, die den weltweiten Trends immer voraus sind, zeigen, dass seit April wieder deutlich mehr Hochschulabgänger eingestellt werden. Und das gerade in den Industrien, die besonders stark dem Einfluss von KI ausgesetzt sind: Maschinenbauer, Ingenieurbüros, Beratungen, Unternehmen in Design-, Software-, Medien- und Modebranchen. Neben den Fertigkeiten rund um KI sind laut übereinstimmenden Studienergebnissen menschliche Fertigkeiten ausschlaggebend, wie kritisches Denken, aus Fachexpertise entspringende Urteilskraft und kommunikative Kompetenzen – vielfach solche, die sich in der Regel erst im Laufe eines Berufslebens ausprägen. In Führungsetagen wächst das Bewusstsein dafür, dass es langfristig Aus- und Weiterbildung von Nachwuchskräften braucht, um KI-generierte Arbeitsergebnisse beurteilen und gute Entscheidungen treffen zu können. Totgesagte ältere Angehörige des mittleren Managements könnten nun eine Renaissance erleben, weil diese von den KI-gestählten Berufseinsteigern und jene wiederum von diesen lernen.
Das funktioniert allerdings nur, wenn beide kommunikativ anschlussfähig sind, Zusammenarbeit funktioniert und gute Führung ein Umfeld für unvoreingenommenen, kritischen, ergebnis- und zielorientierten Diskurs und Handeln bietet.
KI scheint die Anforderungen an Führungskräfte zu steigern. Zumal diese lernen müssen, Zusammenarbeit nicht nur unter Menschen, sondern auch zwischen Mensch und Maschine zu orchestrieren. Womit wir wieder bei den zwischenmenschlichen Erfolgsfaktoren angelangt sind.
Alt, jung, erfahren, unerfahren, künstliche oder menschliche Intelligenz – in einer zunehmend KI-geprägten Arbeitswelt ist das Zusammenspiel erfolgsentscheidend. Wenn das funktioniert, werden am Ende gute Zahlen als Ergebnisse und nicht – wie oft missverstanden als Ziele – herauspurzeln. Die einst als „weiche“ bezeichneten Faktoren werden nun endgültig zu den relevanten Power Skills der Zukunft.
Wie erlebt Ihr die Diskussion zwischen harten und weichen Faktoren in Euren Unternehmen?
Herzliche Grüße
Markus Baumanns

